Ein irischer Musiker reist durch die Zeit, trifft auf Widerstandskämpfer, Opernsänger und eine ziemlich überzeichnete Trump-Figur. Klingt chaotisch? Ist es auch. Und genau darin liegt die Stärke des Stücks, mit dem das Wilde Shamrock Touring Theatre die Sporthalle des Gymnasium Canisianum in einen imaginären Zug verwandelt.
Wo sonst Basketbälle aufprallen, beginnt an diesem Vormittag eine Reise durch mehr als ein Jahrhundert Geschichte. Startpunkt ist das Jahr 2050. Drei Schauspieler, wenige Requisiten und eine Gitarre genügen, um London und Berlin miteinander zu verbinden, zumindest auf der Bühne. Das Ensemble gastiert seit 2003 regelmäßig am Canisianum und tourt sonst durch Europa, vor allem durch Deutschland.
2050: Eine warnende Zukunft
Im Mittelpunkt steht Rover, ein irischer Musiker. In seiner Zukunft ist Europa zerfallen: zahllose Pässe, geschlossene Grenzen, kaum noch gemeinsame Sprache. Vincent Moran erklärt, das Jahr 2050 sei bewusst gewählt worden, um mögliche Folgen eines EU-Zerfalls sichtbar zu machen. Die Zukunft soll Mahnung sein, kein Versprechen.
1945: Widerstand oder Überleben?
Der Zug fährt zurück ins Jahr 1945. Rover begegnet einem italienischen Widerstandskämpfer, der leidenschaftlich von seinem Kampf gegen den Faschismus erzählt. Wegsehen sei keine Option gewesen. Eine umgeschriebene Version von „Bella Ciao“ macht deutlich: Musik ist hier Protest.
Kurz darauf stößt ein Mann aus Dalmatien hinzu, einer Region mit wechselnder staatlicher Zugehörigkeit. Er berichtet, dass er sich im Krieg versteckt habe, um zu überleben und bis heute nicht wisse, wo er hingehört. Zwischen beiden entbrennt ein Streit: Ist Widerstand Pflicht? Oder ist Überleben legitim? Die Szene ist zugespitzt, laut und persönlich.
1901: Oper und Nationalstolz
Noch weiter zurück führt die Reise ins Jahr 1901. Die Bühne wird zur Opernbühne. Überzeichnet und pathetisch treten eine Opernsängerin und ein Opernsänger als Tristan und Isolde aus Wagners „Tristan und Isolde“ auf.
Die Sängerin preist das neu entstandene Deutsche Reich als Einheit von Sprache, Tradition und Geschichte. Einheit bedeute Stärke. Ihr Bühnenpartner jedoch stammt aus dem einst eigenständigen Bayern und wirkt innerlich zerrissen. Immer wieder diskutieren sie mit Rover über „bessere“ Opern. Deutsche Werke werden glorifiziert, italienische, etwa von Giuseppe Verdi, abgewertet. Die Übertreibung sorgt für Lacher, macht aber zugleich den Nationalstolz kritisch sichtbar.
Besonders sensibel ist eine Passage, in der Krieg als identitätsstiftend dargestellt wird. Historisch war diese Sicht verbreitet, so Moran. Gerade deshalb müsse sie deutlich gezeigt werden, um ihre Gefährlichkeit offenzulegen.
Der Wendepunkt kommt leise: Mit Rovers Hilfe findet der bayerische Sänger den Mut zu widersprechen. Muss wirklich alles gleich sein? Darf regionale Identität keinen Platz haben? Die vermeintlich makellose Einheit bekommt Risse.
1852: Satire mit klarer Spitze
Im Jahr 1852 folgt die wohl komischste Szene. Eine überzeichnete Trump-Figur erklärt einer deutschen Auswanderin mit großen Gesten und pathetischer Stimme, Amerika sei „voll“ und nur „perfekte“ Menschen dürften einreisen. Die satirische Überhöhung sorgt für sofortige Reaktionen im Publikum, gerade weil sie aktuelle Parallelen erkennen lässt.
Musik als verbindendes Element
Musik begleitet die Reise durch alle Epochen. Rover singt von einer Irin, die in die USA auswandert und sich immer wieder neu anpassen muss. Alte irische Volkslieder schaffen emotionale Momente von Heimat und Zugehörigkeit. Joey Fitzpatrick betont, dass alle Stücke live gespielt werden, jede Aufführung entwickle so ihre eigene Dynamik. Auf die Frage nach einem heutigen Lied nennt er augenzwinkernd „You’ve Got a Friend in Me“ aus „Toy Story“, ein Song über Freundschaft und Zusammenhalt.
Hinter den Kulissen
Auch intern wurde über politische Aussagen intensiv diskutiert, berichtet Moran. Besonders die Trump-Parodie und die Frage, wie Geschichte erzählt wird, hätten Gespräche ausgelöst. Geschichte sei immer abhängig von Perspektiven.
Herausfordernd seien zudem die schnellen Rollenwechsel. Innerhalb weniger Sekunden müssten Haltung, Stimme und Charakter wechseln. Gerade Figuren, die unter Krieg oder Migration leiden, verlangten den Darstellern emotional viel ab.
Die Botschaft
Den Schülerinnen und Schülern möchten die Schauspieler mitgeben, stolz auf ihre Herkunft zu sein. Gleichzeitig betonen sie, dass Hass keinen Platz haben dürfe und Respekt entscheidend sei.
Als der Zug am Ende wieder im Jahr 2050 hält, wird es für einen Moment still in der Sporthalle. Das Stück ist laut, überzeichnet und stellenweise absurd und gerade deshalb eindringlich. Zwischen Opernparodie, Widerstandsliedern und satirischer Zuspitzung entsteht eine Reise durch Krieg, Migration und Identität.
Zurück bleibt eine Frage, die über die Bühne hinausweist: Was verbindet Menschen, wenn Grenzen sie trennen?
Lisa Dinges (Q1)








